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Charlotte Benz
Märchen in Tränen. Fabelhafte Geschichten
Mit einem Nachwort von Renate Lerche
Berlin 1997; 2. Auflage Berlin 1999
149 S., 10,8 x 18,5 cm, handgebunden
(Erlesenes ; 1)
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Herausgegeben vom Archiv Schreibende ArbeiterInnen Berlin
Typographie und Produktion des Buches:
Renate Lerche und Britta Suckow



Inhalt  
 
Märchen in Tränen 5
Einer in eigener Sache 23
Der Brief 29
Weltliche Legende 37
Die Bekehrung 47
Schwestern 53
Das Märchen von der Liebe 71
Direktor Josef Rübenkamp
oder Das bessere Jenseits
91
Die Geschichte von der Hexe 113
Statt eines Nachworts
(Renate Lerche)
143


Einer in eigener Sache

Ihr alle habt einmal von mir und meinen Angelegenheiten erzählen hören, aber es hat keiner so recht darüber nachgedacht. Es gab Zeiten, in denen das gut für mich war, denn ich hatte keine Ursache, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Aber einmal muß Klarheit geschaffen werden.

Seht, ich bin ein einfacher Mann, ein Soldat. Man sagt mir: "Tue das! Rechtsum!" und ich habe zu gehorchen. Das ist uns immer wieder eingeschärft worden. Es leuchtet mir auch ein, denn wo sollten die Vorgesetzten hinkommen, wenn der einfache Mann nicht mehr gehorchen wollte? Dafür bekommt der Soldat sein Essen, seinen Sold und seine Uniform. Und da ist der Haken bei mir: Ich habe einen Befehl empfangen und ihn nicht ausgeführt.

Ich war Gefreiter in einem Jägerbataillon. Unser Kommandant war Ihre Majestät die Königin selbst. Meine Vorgesetzten waren ganz besonders mit der Art zufrieden, in der ich grüßte. Es hat ja eine ganze Weile gedauert, bis ich soweit war, aber dann hatte es auch sein Gutes. Ich wurde zum Dienst bei der Königin selbst eingeteilt, und Ihre Majestät geruhte manchmal zu lächeln, wenn ich salutierte. Eine schöne Frau, die Königin, Donnerwetter, ja! Aber es geht hier mehr um die Fräulein Prinzessin, die ihre Stieftochter war. Sie sagten alle am Hof, daß Ihre Majestät der Prinzessin nicht zugetan sei. Gemerkt habe ich nichts davon, aber bei diesen Leuten ist das anders als bei uns: Sie lächeln sich an und sagen sich alles so freundlich, daß unsereins denkt, es wäre eitel Sonnenschein. Ich wundere mich immer, daß sie herausfinden, wie sie es gegenseitig meinen.

Die Königin hatte geruht, mir öfter kleine Aufträge zu geben, und ich war gern bereit, sie auszuführen. Ich sagte ja schon, daß sie mir gefiel, und überdies war sie nicht knauserig. Dann kam das, worauf ich hinaus will. Sie ließ mich rufen und fing gleich so merkwürdig an: Ihr läge was sehr am Herzen und ob sie sich auf mich verlassen könnte und solches Gerede mehr. Dabei sah sie mich so an, daß ich zu sonstwas fähig gewesen wäre. Und ich sagte auch gleich: "Ja!" - Da trug sie mir auf, ihre Stieftochter in den Wald zu bringen und - na ja, also ich sollte allein wieder zurückkommen und mich bei ihr melden. Sie sah mir den Schreck wohl an, aber sie konnte, wenn sie wollte, beinahe so mit mir umspringen wie unser Feldwebel. Und sie sagte, ich hätte zu gehorchen und zu schweigen, weil dies eine geheime und sehr ernste Sache sei. Ich sagte: "Zu Befehl!", aber mir war nicht wohl dabei. Ich überlegte hin und her, aber schließlich ...! Was ging es mich an, wenn sie etwas miteinander vorhatten?

Am nächsten Tage begleitete ich die Prinzessin zu Pferde in den Wald. Sie kannte mich und versah sich keines Bösen von mir. Ein hübsches Mädchen und so freundlich in ihrer Art. Die konnte noch richtig lachen. Es war nicht recht von Ihrer Majestät, mir das aufzubürden! Allmählich mußte es der Prinzessin wohl aufgefallen sein, daß ich anders war als sonst. Ich brachte es eben nicht über mich, so zu tun, als ob nichts wäre. Und da fragte sie mich auch schon, was ich denn hätte. Ich schüttelte nur den Kopf. Das hat sie wohl gewundert, so was war sie nicht gewohnt von unsereinem. Als wir tief im Tann waren, machte ich halt, stieg vom Pferd und sagte ihr, sie solle das auch tun. Da riß sie ganz groß die Augen auf. Ich zog das Messer, sie starrte mich an, als ob das nicht wahr sein könnte. Ich sagte ihr, daß ich den Befehl bekommen hätte und daß da nichts zu ändern sei. Wenn sie doch aufgehört hätte zu bitten! Aber sie lag vor mir auf den Knien und erinnerte mich unter Tränen daran, wieviel ihre verstorbene Mutter, die Königin selig, für mich und meine Eltern getan hätte, und daran war etwas Wahres. Doch schließlich, wenn man "Zu Befehl!" gesagt hat, muß man ja wissen, was man zu tun hat. Aber wenn man sich vor soviel Todesangst nicht die Ohren zustopfen kann, dann macht das eine unsichere Hand. Das Schlimmste war, daß ich ihr Herz klopfen hörte, und da fiel mir auch noch der kleine Vogel ein, den ich als Junge mal gefangen hatte, dem klopfte das Herz genauso ... Da konnte ich nicht anders, ich ließ die Prinzessin frei. Sie schnitt sich eine Strähne ihres Haares ab, damit ich sie ihrer Stiefmutter vorweisen könnte, und das tat ich dann auch. Die Königin war sehr zufrieden mit mir und wollte mich belohnen. Da wußte ich nicht, was ich tun sollte, annehmen mochte ich's nicht und nein zu sagen getraute ich mich nicht. Später vergaß sie es, und das war mir am liebsten.

Nachher kam alles heraus. Ich war aber darauf gefaßt und machte mich davon, ehe sie mich holen konnten. Es stimmte eben doch, was unser Feldwebel immer gesagt hatte: "Auf Befehlsverweigerung folgt Desertion, und auf Desertion ...", aber da mochte ich nicht weiterdenken. Ich hielt mich versteckt, und sie haben mich nicht gefunden. Jetzt ist die Königin tot, und ich habe nichts mehr zu fürchten, aber ich kann und kann nicht mit mir ins reine kommen. Manchmal denke ich, ich hätte es doch tun müssen. Ich habe immer gehofft, es würde ein anderer Soldat mal in eine ähnliche Klemme geraten und einen Befehl nicht ausführen, einfach nicht ausführen können, weil da etwas anderes in ihm stärker ist. Ich wäre so gern zu ihm gegangen und hätte ihn gefragt. Sie hatten ja gerade jetzt wieder einen schlimmen Krieg, da müßte ich doch einen finden können. Vielleicht würde man zu zweit besser damit fertig. Ob die anderen wirklich immer alles tun konnten, was man ihnen befahl? A l l e s ?

Oder geht es nur mir so, weil ich eigentlich kein richtiger Mensch bin? Ich stamme eben doch bloß aus einem Märchen und war Jäger bei der Stiefmutter von Schneewittchen.


Statt eines Nachworts
zum Inhalt

Ach nein, meine liebe Charlotte, nicht die zwölf guten Feen umstanden Deinen Weidenkorb, als Du am 25. Juli 1905 in Berlin-Lichtenberg zur Welt kamst. Nur die dreizehnte war pünktlich erschienen, und selbst wenn sie die besten Absichten gehabt haben sollte, so war ihre Kraft vielleicht - gewissermaßen aus alter Tradition - zu sehr auf das Böse gerichtet, als daß sie Dein Leben hätte glücklicher gestalten können. Fünf "Reiche" hast Du erdulden müssen, zwei Weltkriege, Inflationen, Verfolgung, immer wieder Not und Armut und unendlich viele Enttäuschungen. Da konnte Dein Genius das zarte Pflänzchen der Poesie, das in Dir wuchs, allenfalls vor dem gänzlichen Verdorren bewahren. Denn nur wenig Licht gelangte in die Arbeiterwohnung, in den Obst- und Gemüsekeller, in dem sich Deine geliebte Mutter plagte, um der kleinen Familie den Lebensunterhalt zu sichern, nachdem sich Dein Vater nach Südamerika davongestohlen hatte.

Du warst ein scheues, ein besonderes Kind, auf dessen befremdliche Neigungen die Verwandtschaft kopfschüttelnd bis mißbilligend schaute: Anstatt in Deiner freien Zeit zu nähen, zu sticken, zu häkeln, setztest Du Dich lieber in eine stille Ecke - im Sommer auf eine Bank im Park oder auf dem Friedhof -, um zu lesen, und nicht etwa, wie andere zwölf- oder dreizehnjährige Mädchen Deiner Generation, die "mit dem Herzen geschriebenen" Kitschromane einer Hedwig Courths-Mahler, sondern Shakespeares Dramen und alles, dessen Du in der Leihbücherei habhaft werden konntest einschließlich der antiken Götter- und Sagenwelt wie der Propheten und Heiligen des Alten und des Neuen Testaments.

Viele Türen hast Du Dir gegen stärkste Widerstände selber aufgestoßen, hast Dir beharrlich die Weltliteratur erschlossen und wie ein Schwamm alles Künstlerische, was die damalige Volksschule zu bieten hatte, aufgesogen. Doch Dein Weg konnte damals bestenfalls zu einem "Brotberuf" führen, so mußtest Du nach dem Besuch der höheren Handelsschule "Tippfräulein" werden: Sekretärin, Kontoristin, Korrespondentin beispielsweise in einer Pianofabrik, einer gemeinnützigen Wohlfahrtseinrichtung, bei einem Wirtschaftsprüfer, während des Krieges sogar beim Oberkommando der Wehrmacht. Aber nur zwischen acht und fünf Uhr! Wenn Du das Joch der ungeliebten und unterbezahlten Arbeit hinter Dir hattest, schriebst Du - oft bis tief in die Nacht - in Gedichten, Erzählungen und Märchen, Glossen, Dramen und Hörspielen nieder, was Dir im Leben oder im Traum an Skurrilem, Komischem oder Schicksalhaftem, an Schönem und Üblem begegnet war. Die tiefsten Fragen des Menschen: nach Gott, nach der Wahrheit, der Liebe, nach Leben und Sterben, Krieg und Frieden und immer wieder nach der Verantwortung ("Einer in eigener Sache", S. 23) erschienen in Deinen Arbeiten als Metaphern wieder.

Du besuchtest Kurse der Volkshochschule, literarische und philosophische Zirkel, wo Du Dich unter Gleichgesinnten wohlgelitten und verstanden fühltest. Dort auch lerntest Du den Doktor der Philosophie, Literatur- und Religionswissenschaft Heinrich Kuhn kennen. Ihr erkanntet Euch als verwandte Seelen und wurdet ein Paar, aber eines, das sich nur heimlich und unter größten Vorsichtsmaßnahmen treffen konnte, denn Heinrich war Jude und die Nationalsozialisten hatten gleich nach ihrer Machtergreifung damit begonnen, ihre antisemitische Ideologie umzusetzen, indem sie Universitäten und Institute von jüdischen und noch dazu kritischen Lehrkräften "säuberten". Heinrich Kuhn gelang es, aus Deutschland zu fliehen und damit dem Holocaust zu entgehen, doch Deine Hoffnung, ihn nach dem Kriege wiederzufinden und das ersehnte gemeinsame Leben endlich beginnen zu können, erfüllte sich nicht. Dies ist auch das Thema Deiner Erzählung "Der Brief" (S. 29).

Ach die vielen gescheiterten Versuche, zerschellten Hoffnungen, zerstobenen Träume, endlich nach diesem fürchterlichen Kriege mit Deinen Arbeiten an die Öffentlichkeit zu gelangen, die Literatur zu Deinem Beruf zu machen! O ja, Gustaf Gründgens hat Dir bescheinigt, daß Deine Sprache prägnant, Deine Dialogführung brillant wären; o ja, Maxim Vallentin vom Berliner Maxim Gorki Theater hatte Dir zugesagt, eines Deiner Stücke aufzuführen, aber dann wurde er krank und ein anderer Intendant hatte andere An- und Absichten. Und obwohl Du mehr Theaterverstand im kleinen Finger hattest als so mancher Universitäts-Absolvent und obwohl Du so feinfühlig alle auf den Proben erarbeiteten Inszenierungsdetails niedergeschrieben hattest, daß sie für Regisseure und Darsteller nachvollziehbar waren, durftest Du nicht einmal Dramaturgie-Assistentin werden - denn Du konntest ja kein Diplom der Theaterwissenschaften vorweisen!

Immerhin erschienen hier und da in Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen ein paar Gedichte und Kurzgeschichten, erschlossen sich Dir ab der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre beim Hörfunk und darauf bauend bei der Schallplatte Möglichkeiten: Du hast selbsterdachte Hörspiele und solche nach literarischen Vorlagen oder thematischen Vorgaben geschrieben, deutsche und ausländische Volksmärchen dialogisiert und fürs Kinderradio oder die schwarze Scheibe bearbeitet und damit zu Deiner Verblüffung erstmals richtig viel (für DDR-Verhältnisse) Geld verdient. Aber ein "großes Hörspiel für Große" wie etwa "Direktor Josef Rübenkamp oder Das bessere Jenseits" (S. 91, Prosa-Fassung) wurde leider nicht gesendet.

Außer dem Schutzverband deutscher Autoren gehörtest Du keiner mehr oder weniger staatlich-zentralistisch gelenkten Institution an, weil Du Bevormundungen kennen und fürchten gelernt hast. Aber Du warst stets das Zentrum: Herz, Seele und Geist Deines langjährigen, ständig wachsenden Freundeskreises, an dessen Mitglieder - durchweg jüngere, auch ganz junge Frauen und Männer - Du Deine Erfahrungen und Visionen, Deine literarischen und philosophischen Ideen weitergabst. Und wie hitzig haben wir im Laufe unserer gemeinsamen fünfunddreißig Jahre diskutiert!

Deine letzte Lebenszeit war durch Krankheit gezeichnet. Dennoch hast Du nie den Mut verloren: "Nicht feige sein!" lautete Dein Motto. Und selbst wenn Du Schmerzen hattest, versuchtest Du Dich abzulenken, indem Du Dialoge, Konstellationen, Gedichte und Fabelverläufe entwarfst. Mit der Dir eigenen Selbstironie hast Du DeineHaltung beschrieben:

Ich und das Selbstmitleid
Man soll und darf sich nicht selbst leid tun. Das ist eine kategorische Forderung. Wer dabei erwischt wird, den ruft man zur Ordnung: Schwächling, der! Brav, wie erwartet, habe ich bisher reagiert. Hm! Aber ... Wenn mir jemand mein Leben als seines erzählte ... Diese Ängste, diese zerschellten Hoffnungen, diese ... aach!! Er täte mir leid. Herzlos wär' ich, wenn es mich kalt ließe. Warum soll ich mir dann nicht selber leid tun? Warum soll ich denn nicht meine Arme um die Knie schlingen und her und hin schaukeln dürfen? Das ist uralt und hat schon Leute getröstet, die in der Bibel vorkommen. Ja, ab sofort tue ich mir leid - wenigstens ab und zu. Und jedesmal danach - hojotoho - werde ich gut zu mir sein!

Nachdem Du uns am 24. Mai 1993 für immer verlassen hast, löste sich der Gesprächskreis auf. Dennoch bleibst Du allen unvergessen, selbst denen, die Dir persönlich nie begegnet sind, sondern Dich nur durch Deine Arbeiten kennengelernt haben.

Leider sind viele Deiner Manuskripte nicht erhalten geblieben, und doch würde Dein nachgelassenes Opus viele Bände füllen. Du hast eine eigene Buchveröffentlichung nicht mehr erlebt. Wenn wir jetzt diese kleine Prosa-Auswahl der Öffentlichkeit übergeben, sitzt Du vielleicht - hoffentlich - im "Besseren Jenseits" auf der rosa Wolke der zeitlebens Herumgeschubsten und freust Dich!

Renate Lerche