Startseite
      SchreibART e.V.
Lesepodium Literaturarchiv Schreibwerkstatt
     
     Startseite
     Lesepodium
     Literaturarchiv
     Schreibwerkstatt
     Publikationen
     Impressum






     SchreibART e.V.
     c/o Jörg Erdmann
     Volkradstr. 1d
     10319 Berlin
     Tel. 01799153354
     @

Charlotte Benz
Der "Heilige". Sonderdruck für die Mitglieder des SchreibART e.V.
Berlin 2002
22 S.
Bild vergrößern

 


Anläßlich seines fünfjährigen Bestehens dankt der Verein seinen Mitgliedern, Förderern und Freunden für ihre bisherige ideelle und materielle Unterstützung und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Satz und Herstellung der Broschüre: Renate Lerche und Britta Suckow



Charlotte Benz
Der "Heilige"

Eine Zeitung hatte den Menschen, von dem hier die Rede ist, zum ersten Male so genannt. Sie hatte eine fette, schwarze Überschrift daraus gemacht, die selbstverständlich in Anführungszeichen stand, denn es handelte sich um eine fortschrittliche Zeitung, deren aufgeklärter Redakteur für ein gleichfalls aufgeklärtes Publikum schrieb. Der Artikel nahm seinen Mann scharf heran, es blieb eigentlich nichts weiter von ihm übrig als ein belächelnswerter Kauz, der sich in unser sachlich-klares Zeitalter verirrt hat. Wunder geschehen heutzutage nicht mehr - falls sie überhaupt jemals geschehen sind -, aber sie sind auch nicht mehr notwendig, denn der Fortschritt schreitet ganz von selbst unaufhaltsam fort.

Er hatte mehr als genug Gegner; jeder, der Anspruch auf Intelligenz, Stellung und Reputierlichkeit erhob, wollte nichts von ihm wissen. Was? Es sollte heutzutage einen Menschen geben, der rein aus Uneigennützigkeit handelte? Dem Einkommen und Besitz nichts galten? Ach nein, das macht uns niemand vor, dazu sind wir viel zu gewitzigt! Es wird schon etwas dahinterstecken, und eines Tages bekommt man auch heraus, was es ist! Und so hielt sich jeder für berechtigt, das Leben des "Heiligen" wie einen Mantel hin und her zu wenden. In alle Taschen versuchte man zu fassen, um den Inhalt ans Licht zu ziehen, aber es steckte keinerlei Sensation darin, nicht das kleinste Geheimnis schrie nach endlicher Enthüllung. Nun, so sollte er bekommen, was er verdiente. Heda, ihr Witzblätter! Hier ist ein guter Fang für euch! Holt ihn herunter! Wir dulden nicht, daß einer besser sei als wir!

Das alles kannte er zur Genüge. Er hatte sich oft im Zerrspiegel der Meinung sehen müssen, erschrocken, traurig und zuletzt mit einer ruhigen Heiterkeit ...

Der "Heilige"! Seine Gegner hatten ihn mit diesem Namen treffen wollen, seine Freunde griffen ihn auf, nahmen den Spott von dieser Krone; es wunderte sie nachträglich, daß sie nicht von sich aus darauf verfallen waren, ihn so zu nennen. Er selbst ging zwischen Freunden und Feinden seinen Weg; Blumen wurden ihm vor die Füße gestreut, Steine flogen ihm in den Rücken - er lernte beides mit dem gleichen Lächeln hinzunehmen.

Es läßt sich schwer erklären, wie er dazu gekommen war, der "Heilige" zu werden. Zunächst schien ihm jedenfalls eine ganz andere Laufbahn vorbestimmt zu sein. Es hängt ja so vieles davon ab, was für Bedingungen ein Mensch zum Aufstieg mitbekommt, und daran fehlte es ihm von Hause aus nicht. Was fürsorgliche Eltern für den einzigen Sohn tun können, war getan worden. Aus einer umhegten Kindheit war er in eine helle Jugend geglitten, und er hätte wahrscheinlich den Konfirmandenglauben, daß diese Welt die Schöpfung eines lieben und geliebten Vaters sei, unangefochten bis in das Mannesalter mithineinnehmen können, aber es war ein rätselhafter Hang in ihm, alles Hoffnungsarme und Stützungsbedürftige zu schützen. Er folgte dieser Neigung und wurde Arzt in dem Elendsviertel einer Großstadt. Seine damaligen Freunde behaupteten, daß von dieser Zeit an die befremdende Wandlung mit ihm vorgegangen sei. Er hatte unter seinen Händen eine Jugend, die bestimmt war, zu welken, ehe sie noch blühen konnte. Menschen, die ihr Dasein wie Lasttiere ablebten. Ihre gutmütige Brutalität, ihre mißtrauische Unwissenheit, ihre starrsinnige Ablehnung alles dessen, was über ihren eingeengten Lebenskreis hinausging, warfen ihn zwischen Abscheu und heißem Mitleid hin und her. In den wenigen Fällen, die ihn noch in gepflegte Häuser führten, benahm er sich so abweisend, er zeigte so wenig Interesse für den Kuraufenthalt der gnädigen Frau, daß es ihm ganz gleich war, ob sie nach der Schweiz, nach Italien oder sonstwohin fuhr. Natürlich zog man ihn nicht mehr heran, und so schlief dieser aussichtsvolle Teil seiner Praxis innerhalb kurzer Zeit ein.

Um diese Zeit hätte man mit Fug und Recht von ihm sagen können, daß er als Arzt mehr tue als seine Pflicht; seine Freunde ermahnten ihn auch, es dabei bewenden zu lassen, aber leider war er schon damals einem vernünftigen Rat kaum noch zugänglich. Das lag wahrscheinlich daran, daß er zu viel grübelte. Ihm war die ungeheuerliche Gleichzeitigkeit allen Geschehens aufgegangen, und das nahm ihm vollends die Ruhe. Er empfand sein Leben als hell und geborgen inmitten einer hoffnungslosen Dunkelheit. Und in diesem Dunkel liebte, haßte, schrie und verzweifelte es und ging zugrunde überall um ihn her. "Ja natürlich", sagten seine Freunde, "es ist so, es ist leider so, aber was sollen wir dagegen tun?" Er mußte sich ja auch selbst sagen, daß dies noch lange kein Grund für ihn sei, auch ins Elend zu gehen, daß keinem damit geholfen wäre, wenn er es den Armen gleichtat. Aber es lebt sich eben nicht behaglich, wenn man zu scharf sieht.

In dem letzten Gespräch, das er mit seinen Freunden darüber führte, äußerte er, es ginge ihm gerade so wie einem Manne, der nachts allein in seinem Zelt im Urwald säße. "...Man hört die schleichenden Schritte und weiß, ohne es zu sehen, draußen tobt der Kampf ums Sattwerden, der mit allen Mitteln geführt wird, mit der jähen Kraft des Tigers, mit dem Schleichen der Katze, mit der tückischen Gerissenheit der Ratte, mit dem furchtsamen Stehlen der Maus - alle Waffen werden eingesetzt. Und dieser Kampf kann nicht aufhören, kann nicht milder werden, solange der Hunger dahintersteht."

Wer will es seinen Freunden übelnehmen, daß sie nachgerade ungeduldig wurden? Man bekommt es satt, stets und ständig dasselbe anzuhören und immer die gleichen Einwendungen und Gründe dagegen vorzubringen. Gewiß, ja, es mochte schlimm sein! Aber eine durchgreifende Änderung war nur durch Regierungsmaßnahmen zu erreichen. Zugegeben, es wurde wenig oder gar nichts dagegen getan, das Ganze war augenblicklich nichts als ein Diskussionsthema, aber was konnte der einzelne wirklich dazu tun? Es war ja doch alles nur eine Herumbesserei an den Folgeerscheinungen, während die Grundursache unbehoben blieb. Schluß damit!

"Wahrscheinlich", dachte er, "haben sie recht und nicht ich!" Er suchte seiner Unruhe dadurch zu begegnen, daß er sich vornahm, in seinen eigenen Anforderungen an Genuß und Behaglichkeit nicht über ein sehr bescheidenes Maß hinauszugehen. Das war sein letzter Versuch, am Rande einer bürgerlichen Existenz zu leben.

Er kurierte also seine Patienten aus, schickte sie wieder zurück an ihre Fabrikarbeit, um sie, ihre Frauen und ihre Kinder einige Monate später wieder mit denselben Anzeichen der Elendskrankheiten in seinem Wartezimmer zu sehen. Ja, sie waren oftmals selbst schuld daran, ihr Unverstand, ihre Trunksucht, ihre Rauchwut - aber was wollte man in ihrer Lage anderes von ihnen erwarten? Er wußte nun endgültig, daß er nicht ruhig zusehen konnte. Es kommt selten vor, daß ein Herz so nachdrücklich auf seinem eigenen Kopf besteht, wenn man es so sagen darf, aber manchmal geschieht es eben doch. Dieses Herz jedenfalls trieb seinen Eigentümer in die große Prüfung. Es forderte von ihm, entweder auf sein eigenes Glücksverlangen zu verzichten oder den Tod zu suchen. Immer führt dieser Weg sehr nahe am Tod vorüber, aber man überwindet ihn, wenn man stark genug ist - allerdings muß man dazu mehr sein als ein Schwärmer. Als er den Kampf überstanden hatte, war er ein Teil jenes unendlich fließenden, wirkenden und triumphierenden Schweigens geworden, das hinter der Welt steht. Mit unendlicher Geduld versuchte er, die zähe Selbstsucht der Menschen um ihn her zu besiegen. Sie sollten Vertrauen zueinander fassen, aus dem Gegeneinander sollte ein Miteinander werden. Er fing an, mit ihnen Häuser für ihre Familien zu bauen, er lehrte sie säen und ernten. Dieser erste Versuch scheiterte an Unzulänglichkeiten vieler Art. Aber nun wußte er, daß der größte Teil seiner Schützlinge immer wieder in den alten Gedanken zurückfiel: Was gehen mich die anderen an? Sie waren die Verpflichtung zur Rückzahlung entliehener Gelder an die gemeinsame Kasse eingegangen, aber sobald sie dazu in die Lage kamen, suchten sie sich dieser Pflicht zu entziehen, und sie hielten sich für tüchtig und gewitzigt, wenn ihnen das gelang. Es war schwer, ein Gefühl dafür in sie hineinzubringen, daß anderen der Hunger genau so weh tat wie ihnen selbst.

Als er zum zweiten Mal daranging, seine Gemeinschaft aufzubauen, fehlte es ihm wahrhaftig nicht an Ratgebern, die ihn beschworen, die Hände davon zu lassen, weil er doch keinen Dank ernten würde. Er antwortete nicht darauf. Wie sollte er ihnen klarmachen, daß es hier nicht um dergleichen Erwägungen ging? Das einzige, was er dazu äußerte, war, daß er selbst nicht wisse, ob er diese Aufgabe mit oder gegen Gott auf sich genommen habe. Er folgte einfach einer inneren Verpflichtung, und was ihm dabei begegnete, durfte keine Rolle für ihn spielen. Er mußte mit den Menschen rechnen, wie sie waren; niemand hatte sich ja bisher die Mühe gemacht, ihren Charakter zu bilden. Ein großer Teil seiner Anhänger folgte ihm aus blindem Instinkt für das Nützliche, andere überließen sich ihrem Gefühl, das sie bald zu einer überschwenglichen Begeisterung und bald wieder zu unbegreiflichem Argwohn trieb. Einige folgten ihm auch in stets gleichbleibender Treue, aber sie waren in der Minderzahl. Diesmal schulte er seine Menschen, griff hart zu und schloß alle diejenigen aus, die sich nicht einfügen wollten. So wuchs die Gemeinschaft abermals langsam empor. Eine Siedlung entstand, er schuf kleine Handwerksbetriebe und zog seine Anhänger mehr und mehr aus dem Wirtschaftskampf heraus. Eine Mühle wurde gekauft, eine Fabrik in Betrieb genommen. Mühsam, sehr mühsam, eines nach dem andern. Im Wirtschaftsleben eines Volkes bedeutete das alles noch nichts, es konnte weggewischt werden, ohne eine Spur zu hinterlassen, aber es war ein Anfang.

Er selbst vergaß völlig, etwas für sich in Anspruch zu nehmen. Er war für jeden da, und es war eines jeden Recht, zu ihm zu kommen. Daß es jemals anders sein könnte, fiel niemandem ein. Nun aber lag er in seiner Kammer, und als Arzt wußte er, daß es zu Ende ging. Er hatte seine Kräfte in übermenschlicher Arbeit zu früh erschöpft. Beruhigten Herzens erwartete er den Tod. Seine Aufgabe war gelöst, seine Arbeit blieb in guten Händen.

Die Nachricht von seiner Erkrankung, so vorsichtig sie auch gegeben wurde, hatte zunächst eine atemlose Stille zur Folge. Dann kamen sie alle, den ganzen Tag über knarrte die Treppe unter eiligen Füßen. Angstvolle Fragen im Vorzimmer - beruhigendes Geflüster - niemand wurde zu ihm gelassen.

Ruhe ... alle Mühe, alle Anfeindung lag hinter ihm. Freundliche und leidvolle Bilder seines Lebens zogen an ihm vorüber. Eines nur, das schmerzlichste, fügte sich auch jetzt noch nicht ein. Der Kranke wurde unruhig. War seine Kraft so gering? Als er seine Arbeit zum zweiten Male begann, hatte er sich gerüstet, um allem aufrecht zu begegnen, was immer auf ihn eindringen mochte. Aber dieses eine Geschehnis hatte seinen Gleichmut durchschlagen und war immer brennende Gegenwart geblieben:

Einer seiner Schüler hatte vor Jahren die Beschuldigung erhoben, daß riesige Beträge durch seine Hände gingen und nicht wieder zum Vorschein kämen. Sinnlose Anwürfe, die doch auf so bereiten Boden fielen! Man hatte ihm lange feindlich zugesehen, ohne einen Grund zum Einschreiten zu finden - jetzt war die Gelegenheit da. Es folgten Haussuchung und Verhaftung. Dieses wohl schlimmsten Tages konnte er nie gedenken, ohne daß die tiefe Wunde neu zu schmerzen begann.

Beamte waren an jenem Morgen überraschend gekommen und hatten barsch von ihm sämtliche Schlüssel verlangt. Sachlich durchforschten sie seine Schränke, Regale und Mappen. Sie untersuchten alles, nahmen alles in die Hände, lasen jeden Brief, sie forschten in Verstecken, auf die er niemals gekommen wäre. Sie waren überall, sie drangen in seine Schlafkammer ein, obwohl er unwillkürlich eine Bewegung machte, als wolle er sie zurückhalten; er ist ja nicht nur der starke Mensch, der kämpferisch sein Ziel verfolgt - er holt sich seine Kraft aus tiefster Versenkung, in dieser Kammer werden die mönchischen Züge seines Wesens offenbar. Die Beamten verstanden seinen angedeuteten Widerstand falsch: Es war noch früh am Morgen, und man schob ihn mit einem Lächeln beiseite, das vorgab, vieles zu verstehen.

Leer liegt der kleine Raum vor den Polizisten. Ihr erster Blick fällt auf das große Kruzifix an der Wand gegenüber. Ein solches Kreuz haben sie noch nicht gesehen: Es ist nicht verziert, kein schöner Christus breitet daran die Arme aus, als segnete er nur und wäre niemals gekreuzigt worden - dies hier sind zwei rauhe Hölzer, eilig zusammengezimmert, wie es gewesen sein mochte zu Jerusalem. Kein Gott erlöst hier leidend die Menschheit, nein! An diesem Kreuz hängt ein Mensch, dem Menschen das Äußerste an Qual und Schmach angetan haben! Dieses Kreuz ist eine Anklage, die auch heute noch nicht schweigt, und es gibt vor ihm nur einen Entschluß: NICHT MEHR ZU HASSEN!

Von dem schmalen japanischen Schrank leuchtet die Versenkung des Buddha, eine kleine Vase ist demütig vor ihn hingeschmiegt. Geschäftige Hände öffnen den schwarzen Schrank: Bücher. Eine Truhe steht an der Wand. Der schwere Deckel wird aufgemacht und wieder geschlossen, nichts bleibt undurchwühlt. Scham würgt ihn, er hat diese Kammer für sich allein eingerichtet, nun muß er Fremde darin dulden. Er fühlt sich nackt. Als der Verhaftete das Haus verläßt, sieht er in das Gesicht des Menschen, dem er einmal vertraut hat.

Nach Monaten wurde er wieder entlassen, nicht "unschuldig", sondern "mangels Beweises". Der Aufenthalt im Untersuchungsgefängnis war tiefste Demütigung gewesen. Jeder hatte sich bemüht, ihm zu zeigen, daß hier jedenfalls niemand auf ihn hereinfiele.

Aber nun ist auch das vorüber. Jetzt endlich, im Sterben, kann er diesen Stein zu anderen Steinen seines Lebens werfen.

Draußen wird leise und behutsam die Tür aufgeschlossen. Schritte kommen näher, und der Mensch, in dessen Hand er alles legt, beugt sich zu ihm. Der "Heilige" ergreift seine Hand, und mit dem leidenschaftlichen Ernst, der ihn vorwärts und immer weiter trieb, sagt er: "Ich vertraue dir die Gemeinschaft an. Du mußt viel Geduld haben und darfst keinen, der gutwillig ist, wieder zurückstoßen, hörst du? Wir haben einen winzigen Anfang gemacht. Wir glauben, daß es der rechte ist!" Der junge Mensch drückt die dargebotene Hand. Er weiß, daß er eine schwere Erbschaft antritt.

"Wenn es vorüber ist", beginnt der "Heilige" und ist nun wieder heiter, "dann nimm aus dem Schreibtisch den versiegelten Brief und gib ihn so, wie er ist, deinem Nachfolger weiter. Vielleicht ist es nur so ein Gedanke von mir -", er zögert und lächelt, "-aber ich will, daß dieser Brief nach zweihundert Jahren geöffnet und allen vorgelesen wird, die zu uns gehören. Vielleicht übersteht die Gemeinschaft nicht einmal zehn Jahre. Wenn es so kommt, sollt ihr den Brief vernichten, er hat für niemanden dann Wert." "Ich soll den Brief nicht kennen?" fragt der andere mit leiser Eifersucht in der Stimme. "Du brauchst ihn nicht zu kennen", sagt der Sterbende, "er könnte dir nichts sagen, was du nicht wüßtest. Und nun geh! Laß mich allein!"

"Es ist nicht gut, wenn du in diesen Stunden allein bleibst", sagt der Jüngere bittend. Der "Heilige" schüttelt mit leiser Ungeduld den Kopf. Aber dann besinnt er sich, und seine Stimme klingt so weich wie niemals zuvor: "Ich habe euch mein ganzes Leben geschenkt. Diese Stunde sollt ihr mir lassen."

Der junge Mensch zögert noch einen Augenblick, dann fällt die Tür hinter ihm zu. Es ist still in der Kammer. Nun ist auch das Letzte getan. Er darf ruhen. Atmen, atmen ... Er horcht auf das Klopfen seines Herzens. Die ersten Sterne leuchten durch das unverhüllte Fenster herein. Die junge Mondsichel gleitet still an ihnen vorüber. Das rührt noch einmal an sein Herz. Morgen werden die Sterne wieder am Himmel stehen. Ein wenig voller wird die Mondsichel blühen - er wird sie nicht mehr sehen. Zu dem Wenigen gehören sie, Sterne und Mond, von dem es schwer ist, Abschied zu nehmen. Und dann fühlt er das Ende kommen. Groß und gütig strahlt sein reines Herz über die ganze Welt hinweg, die letzten Wellen seiner Liebe fluten über die Beladenen, die Verbitterten, die Unwissenden, die Gedankenlosen und die Hassenden, sie alle umfaßt sein Herz, sie alle grüßt er im Sterben ...

Es gingen viele mit, als er begraben wurde. Jetzt, da er ihnen genommen war, wußten sie es: Jeder einzelne hatte ihn verloren. Auch von denen, die ihn fast schon vergessen hatten, die wegsahen, wenn er vorüberging, nahmen etliche teil. Die Zeitungen rangen sich ein paar Worte der Anerkennung ab, die jedoch durch ein abschließendes "Aber ..." vollauf wieder wettgemacht wurden. Die Tagesordnung war seinetwegen nicht unterbrochen worden - so bedeutend war er wirklich nicht. Seine Gegner hofften die alte Hoffnung aller Gegner, daß es nun mit seinem Tode auch mit seiner Sache aus und vorbei sein würde. Und wie so oft erwies sich auch diese Hoffnung als falsch. Die Gemeinschaft begann zu wachsen. Manchmal zitterte das kleine Schiff unter den Stößen, die es erhielt, manchmal neigte es sich gefährlich, aber es fand seinen Weg. Zuerst ging es langsam, dann schneller und schneller. Siedlungen entstanden, Fabriken,. Kaufhäuser, die allen gehörten, in denen Tausende arbeiteten, losgelöst aus der Erbitterung des Existenzkampfes, befreit von der Angst, zu alt zu sein, um zu verdienen.

Fünfzig Jahre ...

Scharfsehende Kaufleute entdeckten finanzielle Möglichkeiten in der Gemeinschaft. Es wurde Geld verdient. Beziehungen, Bindungen, Unternehmungen spannten sich von Jahr zu Jahr weiter. Die Schwungräder zitterten ... Die Arbeit wuchs, die Kräfte spannten sich im äußersten Einsatz. Das Volk hörte gläubig an, was man ihm sagte, und arbeitete geduldig, wie es immer und zu allen Zeiten gearbeitet hat.

Hundert Jahre ... Hundertfünfzig Jahre ...

Einige wenige Gehirne leiteten die Unternehmungen der Gemeinschaft. Eisenhart hielten diese Männer das Geld und die Macht in ihren Händen.

Man baute eine Kapelle über dem Grabe des "Heiligen". Man antwortete auf die Angriffe, die daraufhin gegen die Gemeinschaft gerichtet wurden. Man hatte nicht mehr nötig, sich etwas gefallen zu lassen. Die Kirchen rückten widerwillig ein wenig beiseite, um der Gemeinschaft den Platz einzuräumen, den sie beanspruchen konnte.

Es war längst nicht mehr lächerlich, ihr anzugehören. Ernsthafte, wohlsituierte Männer, die lange und genau erwägen, was sie tun, waren eingetreten. Ihre Gattinnen nahmen sich der Wohltätigkeit an. Vereine entstanden. Männervereine, Frauenvereine, Jugendvereine, Kindervereine, Hilfsvereine, und sie alle hatten Vorsitzende und Vorstände aus den besten Kreisen. Die Leitartikel in der Presse der Gemeinschaft fanden Beachtung.

Über allem stand strahlend das Bildnis des "Heiligen". Auf ihn wurde die Jugend hingewiesen, seiner wurde in den Versammlungen gedacht. Auf die Dauer wurde das zwar etwas langweilig, aber es gehörte zur Tradition. Sein Bild war starr geworden, und gleich den Heiligen der Kirche hatte er ein langes, feierliches Gewand anbekommen - viel zu lang, um damit auch nur einen einzigen Schritt in die Gegenwart zu tun. Tot, starr und heilig war er, ehrendes Gedenken war sein Teil.

Zwar hatte sich die Gemeinschaft im Laufe der Jahre auch einmal gespalten, der kleinere Zweig starb jedoch bald ab. Und jetzt, nach zweihundert Jahren erfolgreicher Arbeit, war wieder eine wütende Opposition erstanden. Eines der jüngeren Mitglieder hatte zu behaupten gewagt, daß dies alles nicht mehr im Sinne des "Heiligen" sei. Anders hätte er gedacht, anders hätte er geschrieben.

Lieber Gott! Natürlich hatte er anders geschrieben, die Verhältnisse waren doch auch andere gewesen! Die Zeit war eben vorwärtsgeschritten. Es war auch nur eine kleine Gruppe, um die es sich da handelte, und man hatte beschlossen, sie gleich nach der Zweihundertjahrfeier sang- und klanglos auszuschließen. Die würden sich schön umsehen, wenn sie einmal draußen waren!

Zweihundert Jahre!

Die mächtige Gemeinschaft rüstete sich, diesen Tag in eindrucksvollen Feiern zu begehen. Schulkinder probten Chorgesänge, Prologe wurden auswendig gelernt, eine Statue des "Heiligen" harrte der Enthüllung ... Und der Brief, den der "Heilige" kurz vor seinem Sterben geschrieben hatte, sollte feierlich verlesen werden.

Die Säle vermochten die Menschen kaum zu fassen, die am Tage des Festes gekommen waren. Die Menge staute sich vor den Türen. Es war schwer, Platz zu schaffen für die Abordnungen der Vereine, die mit ihren farbenfrohen Bannern einzogen. Die Vorsitzenden grüßten und lächelten nach allen Seiten, als sie an reservierten Tischen Platz nahmen. Frau Generaldirektor Henschel, Vorsitzende des Komitees sämtlicher Frauenvereine, Kommerzienrat Fiedler von der Gemeinschaftsbank, Professor Naumüller für die Studenten, Frau Konsul von Millenheim für die Hilfsvereine - erste Namen der besten Gesellschaft. Bewegung entstand am Saaleingang. Man wandte die Köpfe. Natürlich! Die Rebellen kämpften sich durch die Menge. Sie zogen geschlossen ein! Unglaublich! Minister a.D. Frischenbach, der Erste Vorsitzende des Aufsichtsrates, verantwortlicher Leiter der gesamten Gemeinschaft, sah unwillig zu ihnen hinüber. Dreißig Mann waren es nur, aber jeder von ihnen schien drei Köpfe und sechs Arme zu haben, so viel Arbeit machten sie.

Der Minister erhob sich. Er begrüßte die Regierungsvertreter, die Presse, die Ehrengäste und das Volk der Gemeinschaft in glänzender Rede. Ein Zeichen: Leise setzten die Geigen ein, in süßer Reife folgte das Cello ...

Und wieder erhob sich der Vorsitzende, sprach von der ergreifenden Weihe der Stunde und nahm aus kostbarer Truhe den Brief des "Heiligen". Er führte ihn an die Lippen, bevor er die alten Siegel öffnete. Ein leises Rauschen entstand in der Menge, als er den Bogen entfaltete ... Er hob die Hand - tiefes Schweigen trat ein - und mit weittragender Stimme las er die Botschaft des "Heiligen":

"An Euch, die Ihr lange nach mir kommt!
Ich weiß nicht, ob es gelingen wird, daß meine Stimme lebendig zu Euch hinübertönt. Das Dunkel der Zukunft trennt mich von Euch, und das vielleicht größere Dunkel der Vergangenheit liegt zwischen Euch und mir. In den langen Nächten, die meine letzten sein werden, muß ich an Euch denken, aus den Sorgen dieser Nächte schreibe ich an Euch.

Ich versuche, Euch zu sehen. Ein Fluß, der durch die Jahrhunderte hinströmt, kann vielleicht seine Quelle nicht verleugnen, aber auf seinem langen Wege fließen ihm andere Wasser zu: süße und bittere, salzige und unreine ... Wie werdet Ihr sein? Mein Herz hofft, daß Ihr nicht aufgehört habt, Kämpfer zu sein. Aber mein Verstand sagt mir, daß mein Werk den Weg aller menschlichen Gemeinschaften gehen wird. Und wenn es mit Euch so gekommen ist, wie ich fürchte, daß Ihr nämlich mächtig geworden seid, daß Ihr Euren Platz an der Sonne erobert habt, daß die, an deren Türen ich nicht zu stehen wagte, nun zu Euch gehören, Euch leiten und führen, daß die mit den leisen und gefährlichen Händen die Geschicke meiner Gemeinschaft halten, dann will ich nicht zu Euch sprechen - aufschreien will ich in der einzigen Hoffnung, daß mein Schrei Widerhall findet in wenigen, starken Herzen. Ja, ich sehe Euch jetzt: Wohlgeordnet ist die Gemeinschaft, ich höre die Worte, die in jener eiskalten Freundlichkeit zu meinen Armen gesprochen werden wie immer und überall. Ich sehe, daß das unbändige Feuer meines Herzens ein Herdfeuer geworden ist, an dem viele Töpfe kochen, deren Deckel besser geschlossen bleiben ... Gemäßigt seid Ihr, klug seid Ihr, Kompromisse habt Ihr geschlossen! Ja, ich fürchte, daß Ihr Euren Platz erobert habt - Ihr lest recht - ich f ü r c h t e es! -, daß Ihr ihn satt behauptet, daß Ihr nach zweihundert Jahren denen, gegen die ich einmal kämpfte, in allem gleicht, daß Ihr nicht mehr von ihnen zu unterscheiden seid! Daß Ihr sie nicht überwindet, sondern daß Ihr alle zusammen Frieden schließt, weil Ihr die gleichen Interessen habt: Euch gegen die Nachdrängenden zu behaupten! Ja, ich fürchte, daß Ihr dem Neuen, dem Wertvolleren den Platz nehmt, der ihm gebührt! Und wenn es so gekommen ist, dann sage ich mich los von Euch, denn ich weiß, Ihr sagt Euch nicht los von mir, weil ich tot, stumm und wehrlos bin. Und ich weiß, wenn Ihr einmal zusammengekommen seid, wenn Ihr Eure Interessen so herrlich abgestimmt habt, geht Ihr auch nicht mehr auseinander. Ich aber gehe von Euch wieder in das Elend, in die Bitternis der Armut! Und die einzige Hoffnung für mich ist, daß einige Starke unter Euch sind, die fragen und immer wieder fragen und keine Ruhe finden! Zu Euch komme ich, zu Euch gehöre ich und Euch beschwöre ich: Verlaßt sie, die Satten, kämpft neu!"

Ein mehrstimmiger Schrei unterbrach den Vorsitzenden. Aufgesprungen war die kleine Schar derer, die sich selbst "die Räudigen" nannten. Ihre Augen leuchteten, sie beugten sich vor, um zu hören, was ihnen i h r Heiliger zu sagen hatte.

Der Minister sah scharf zu ihnen hinüber. Er zögerte einen Augenblick, er wollte sich erst fassen, es half nichts, der so lang erwartete Brief mußte zu Ende gelesen werden. Matt und leise las er weiter, und die Teilnahmslosigkeit seiner Stimme stand in seltsamem Gegensatz zu den Worten des Briefes:

"MEIN HERZ WAR MASSLOS! Und meine Botschaft geht an Euch, die Ihr mir gleicht! Fanget an! Fanget an!"

Jubelnd wiederholten die Rebellen jeden dieser Sätze, dann marschierten sie geschlossen hinaus. Andere folgten ihnen, manche standen unentschlossen auf, zögerten und setzten sich wieder. Die Gemeinschaft mit ihren Vorständen, Vorsitzenden und Aufsichtsräten blieb erstarrt und fassungslos zurück. Der Minister wendete den Brief nervös in seinen Händen hin und her, ob sich nicht irgendwo auf einer übersehenen Seite Worte der Ermunterung und des Dankes fänden ...

Als man sich endlich von der Betäubung erholt hatte, traten Aufsichtsrat, Vorstände und Kuratorium sofort zu einer Besprechung zusammen. In langer Sitzung fanden sie das erlösende Wort: Sie nannten sich von diesem Tage an "reformiert". Die Niederlage hat ihnen nicht viel geschadet. Sie sind mächtig und werden es auch noch geraume Zeit bleiben.

Ob die Jungen siegten? Ob sie ihren Platz eroberten und ob das alte Spiel wieder begann? Wer weiß es? Aber das Heilige Feuer entflammt immer und immer wieder ein Herz am anderen Herzen! Über die Jahrhunderte, über die Jahrtausende hinweg bildet es eine flammende Kette. Es ist noch niemals erloschen, und es wird auch nicht erlöschen! Dreimal selig der, den es sich erwählt, dreimal selig, ja! und dreimal Wehe!