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Reiz und Phänomen: Die Literatur der schreibenden Arbeiter. Ein Diskurs im Spannungsfeld der Erfahrungen von Vision und deutsch-deutscher Realität
hrsg. vom Archiv Schreibende ArbeiterInnen
Berlin 1996
80 S.
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"Seit 1963/64 festigten sich die Zirkel, die ihr eigenes Profil gefunden hatten, sie entwickelten eigene Konzepte der Arbeit und blieben weitgehend stabil, auch in ihrer Gesamtzahl, die seither stets um 300 Zirkel lag. Daran nahmen etwa 2500 Schreibende teil. Etwa ein Fünftel davon bestand über die Wende von 1989 hinaus weiter."
(Auszug aus dem Artikel von Rüdiger Bernhardt: "Greif zur Feder Kumpel!" - Die Bewegung schreibender Arbeiter)

Herausgegeben mit freundlicher Unterstützung der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur.

Unser herzlicher Dank gilt den Autorinnen und Autoren, die spezielle Artikel für diese Broschüre verfaßten und sie unentgeltlich zur Verfügung stellten.


Inhalt    
3 Vorwort
Dietrich Mühlberg 7 Literatur "von unten" - Arbeiterkultur und schreibende Arbeiter
Trude Richter 22 Wie arbeitet der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller?
Rüdiger Bernhardt 25 "Greif zur Feder, Kumpel!" - Die Bewegung schreibender Arbeiter
Johanna Bliemel 41 Wie ich schreibende Arbeiterin wurde
Jan Eik 45 Das Haus, in dem wir schreiben
Jan Eik 48 Schreiben lernen - Über den Literaturzirkel "Maxim Gorki" am Zentralen Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft
Inge Borde-Klein /
Ute Wermer
51 Am Anfang stand eine Geschichte - Der Zirkel lesender und schreibender Arbeiter im VEB Berlin-Chemie
Walter Flegel 54 "Drei, vier - ein Sonett!" - Zur literarischen Förderarbeit in der Nationalen Volksarmee der DDR
Rainer Noltenius 57 Die Dortmunder Gruppe 61
Karl-Heinz Schneider /
Helga Reufels
63 Werkkreis-Chronik
Erika Däbritz 66 Werkkreis-Arbeit
Rainer Noltenius 70 Das Fritz-Hüser-Institut für deutsche und ausländische Arbeiterliteratur
Renate Lerche /
Britta Suckow
72 Das Archiv Schreibende ArbeiterInnen Berlin
76 Register

 

Vorwort nach oben

Seit den frühen fünfziger Jahren wurden in der DDR, dem "Staat der Arbeiter und Bauern", im Rahmen der Volkskunstbewegung zahlreiche Laienchöre, Instrumentalensembles, Volkstanzgruppen, Arbeitertheater und -kabaretts, Arbeitsgemeinschaften des Puppenspiels, der bildenden Künste, des Amateurfilms u. a. gebildet. Ebenso entstanden, basierend auf den proletarisch-revolutionären Traditionen, die weit ins vorige Jahrhundert zurückreichen, Zirkel lesender und schreibender Werktätiger.

Die Zirkel waren zum Teil dem bereits seit dem 3. Juli 1945 bestehenden Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands angeschlossen, der Freien Deutschen Jugend (FDJ), der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) oder einzelnen Betrieben, Kombinaten und Institutionen. Besonders der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) hatte den staatlichen Auftrag, die kulturellen Aktivitäten der werktätigen Bevölkerung nach Kräften zu fördern. Diese durch Gesetze und Verordnungen abgesicherte Förderung bestand in materieller Hinsicht darin, daß in Klubs und Kulturhäusern unentgeltlich Räume für Zirkelzusammenkünfte sowie Arbeitsmaterial zur Verfügung standen, daß für bestimmte Veranstaltungen eine bezahlte Freistellung von der Arbeit erfolgte, daß kostenlose Weiterbildungsseminare, sogar ein Fachstudium am Leipziger Literatur-Institut "Johannes R. Becher" angeboten und die (zwar geringen) Honorare für die Zirkelleiter sowie die Herstellungskosten von Publikationen übernommen wurden. Andererseits waren die Volkskunstgruppen zentralistisch organisiert und wurden in ihrer Arbeit insofern ideologisch beeinflußt, als das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (ZK der SED) auch die gesamte kulturelle Entwicklung bestimmte. Das äußerte sich in thematischen Vorgaben bei Aufrufen zu Schreibwettbewerben oder Arbeiterfestspielen; doch schon die Gestaltung von methodischen Materialien, die zumeist, wie auch die Fachzeitschrift Ich schreibe, vom Zentralhaus für Kulturarbeit der DDR in Leipzig herausgegeben wurden, hing wie die Entscheidung, inwieweit sich die einzelnen Zirkel den Vorgaben unterwarfen, großenteils vom Charakter der Leiter und Mitglieder ab.

Die später (weil im Kulturpalast des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld abgehalten) als "Erste Bitterfelder Konferenz" bezeichnete Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages Halle/Saale vom 24. April 1959 hatte unter der Losung "Greif zur Feder, Kumpel!" gestanden und sich gleichermaßen an Schriftsteller und Arbeiter gewandt, die eine neue, realistische und sozialistische Literatur entwickeln sollten. Mit dieser Konferenz setzte die SED ihren mit der Kulturkonferenz von 1957 und dem V. Parteitag von 1958 begonnenen kulturpolitischen Kurs fort, nicht nur die Künstler an die Basis und die Arbeiter an die Künste heranzuführen, sondern mit literarischen Mitteln zugleich die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit und die Erfüllung der ökonomischen Aufgaben zu unterstützen.

Die literaturinteressierten Werktätigen kamen in ihrer Freizeit zusammen, um Freud und Frust des Alltags zu verarbeiten, die Lösung für private und gesellschaftliche Konflikte zu suchen, um sich das literarische Erbe anzueignen und darüber hinaus das handwerkliche Rüstzeug für eigene schriftstellerische Betätigung zu erwerben. Daß dies durchaus ernsthaft und unter fachkundiger Anleitung geschah, belegen zahlreiche Arbeitspläne, Verträge und Ergebnisberichte, sogar Übungsaufgaben unterschiedlicher Zirkel und nicht zuletzt eine Fülle von publizierten Arbeiten nichtprofessioneller Autoren im Bestand des Berliner Archivs Schreibender ArbeiterInnen.

Doch längst nicht alle Mitglieder der Zirkel schreibender Arbeiter gehörten der "Arbeiterklasse" an (es gab Zirkel schreibender Lehrer wie schreibender Schüler, schreibender Soldaten und schreibender Matrosen, Junge Poeten usw.). In ihrer Studie vom 5. Februar 1988 (Typoskript 94/813 im Bestand des Archivs), die rund siebenhundert zum "I. Bezirksleistungsvergleich der schreibenden Arbeiter Berlins" eingereichte Arbeiten analysiert, geht Dr. Ingrid Walther-Hülsmann auch auf Geschlecht, Alter und Beruf der Autoren ein: "Ungefähr die Hälfte der Autoren sind Frauen, die ältesten Schreiber bzw. Schreiberinnen sind über siebzig Jahre, die jüngsten wurden, soweit aus den Anschreiben oder den biografischen Angaben in den Sammlungen ersichtlich, um 1970 geboren. [...] Die Palette ist bunt - vertreten sind u.a. die Anlagenfahrerin, der Agrotechniker, der Architekt, der Arzt, der Bauleiter, der Bibliothekar, der Chemiefacharbeiter, der Dreher, die EDV-Mitarbeiterin, der Fahrdienstleiter, der Fernmeldemechaniker, die Fotografin, der promovierte Germanist, der Handelskaufmann, der Heizer, mehrere Ingenieure, der Kellner, ein Kontenrechner, eine Kostümbildnerin, eine Krippenerzieherin, mehrere Lehrer, kulturpolitische, politische und wissenschaftliche Mitarbeiter, ein Monteur, ein Ökonom, eine Richterin, Sachbearbeiter, Sekretärinnen, NVA-Angehörige, Studenten, eine Verkäuferin und ein Versicherungsvertreter, mehrere Hausfrauen, mehrere Rentner. (Diese Angaben erscheinen deshalb höchst interessant, weil sie auf das riesige Potential verweisen, aus dem die Bewegung schreibender Arbeiter schöpft.)" Hinzuzufügen ist, daß zu jeder Zeit auch "Einzelschaffende", also Laienschriftsteller, die nicht an Zirkel gebunden waren, sich an Schreibwettbewerben beteiligten oder in Zeitungen, Zeitschriften und Buchreihen publizierten.

Zwar waren auch in den westlichen Besatzungszonen noch im Jahr 1945 zahlreiche örtliche und regionale Kulturbundgruppen entstanden, doch mit Beginn des Kalten Krieges und der Gründung der Bundesrepublik waren sozialistisch-kommunistische Einflüsse auf die kulturelle Entwicklung, also auch auf die Literatur, einschließlich der Traditionen des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, unerwünscht. Erst mit dem Erscheinen einer Lyrik- Anthologie aus dem Ruhrgebiet 1960 setzte erneut eine Auseinandersetzung der Literaten mit der Arbeitswelt ein und mündete in der Gründung der Dortmunder Gruppe 61. Doch die alten Differerenzen über die Frage, ob die Arbeiterliteratur lediglich einen besonderen künstlerischen Ausdruck entwickeln und pflegen oder politische und soziale Ziele verfolgen sollte, führte zur Spaltung der Gruppe.

Als Ergebnis gründete sich im März 1970 der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, "eine Vereinigung von Arbeitern und Angestellten, die in örtlichen Werkstätten mit Schriftstellern, Journalisten und Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Seine Aufgabe ist die Darstellung der Situation abhängig Arbeitender, vornehmlich mit sprachlichen Mitteln. Auf diese Weise versucht der Werkkreis, die menschlichen und materiell-technischen Probleme der Arbeitswelt als gesellschaftliche bewußt zu machen. Er will dazu beitragen, die gesellschaftlichen Verhältnisse im Interesse der Arbeitenden zu verändern. In dieser Zielsetzung verbindet der Werkkreis seine Arbeit mit dem Bestreben aller Gruppen und Kräfte, die für eine demokratische Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse tätig sind. Der Werkkreis hält eine entsprechende Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften, als den größten Organisationen der Arbeitenden, für notwendig." (Aus dem Programm)

Wenn man die Geschichte der Arbeiterliteratur seit den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts betrachtet, sind die Unterschiede der Arbeitsweise zwischen den Arbeitsgemeinschaften des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, den Zirkeln Schreibender Arbeiter und den Werkstätten des Werkkreises so gravierend nicht. Abgesehen von der Verlagerung des Schwerpunktes von den operativen Agitprop-Formen wie Sprechchor, Massenchor und Bewegungschor auf die literarischen Gattungen, waren und sind Anspruch und Ziel der Bewegung: die Probleme der Werktätigen, also der Lohnabhängigen, aus deren Sicht in literarischer Form bewußt zu machen und eine Verbesserung ihrer gesellschaftlichen und ökonomischen Situation zu erreichen. Auch die praktische Herangehensweise (Zusammenfassung von Laienautoren in mehr oder weniger stabilen Arbeitsgemeinschaften und in diesem Rahmen Diskussion der entstandenen literarischen Arbeiten, die Anleitung durch Fachleute, die Veröffentlichung in gewerkschaftseigenen Publikationsorganen) war und ist im wesentlichen die gleiche. Für den einzelnen lag die Hauptmotivation ganz gewiß in der Freude am Schreiben.

Relativ frühzeitig haben Vertreter der literarischen Laienbewegungen in beiden deutschen Staaten sich zum Erfahrungsaustausch zusammengefunden. Schon in den sechziger Jahren trafen sich Mitglieder der Dortmunder Gruppe 61, wie Josef Büscher, und schreibende Arbeiter des Bezirkes Halle. Unserem Archiv liegen auch Dokumente aus den Jahren 1972 und 1973 vor, die von Begegnungen des Werkkreises, genauer: der Hamburger Werkstatt schreibender Arbeiter, und des Zirkels schreibender Arbeiter im VEB Schiffselektronik Rostock zeugen.

Auf den gewachsenen Erfahrungen basieren die seit 1990 zunehmende Annäherung zwischen einzelnen Werkstätten und Zirkeln beziehungsweise deren Mitgliedern und das damit verbundene Ziel, die jeweils andere materielle Bedingung, Motivation und Erlebniswelt kennenzulernen. Auch das Berliner Archiv Schreibende ArbeiterInnen ist bestrebt, solche Kontakte zu fördern, und darf auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Dortmunder Fritz-Hüser-Institut für deutsche und ausländische Arbeiterliteratur und seinem Direktor, Prof. Dr. Rainer Noltenius, verweisen.

Solche Bestrebungen der Annäherung fanden bereits in zahlreichen gemeinsamen Publikationen ihren Niederschlag, die auch thematisch die unterschiedlichen Erfahrungen verarbeiten, was schon im Titel einiger Sammelbände zum Ausdruck kommt: beispielsweise "Denk ich an Deutschland" (Gütersloh : Bertelsmann Club, 1990), "Grenzgedanken" (Köln : Bund-Verl., 1991) oder "Grenzenloses Land" (Hildesheim : Gebrüder Gerstenberg, 1993).

Auch die vorliegende Broschüre soll dem gegenseitigen Kennenlernen dienen.

Renate Lerche / Britta Suckow